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Wenn einer eine Reise tut ....

Bericht über eine Reise nach Rogatschow (26.04. - 10.05.2003)

Von Dieter Schröder-Wrobel

... dann kann er was erzählen.

Genau das möchte ich an dieser Stelle versuchen: Die Schilderung meiner Eindrücke anlässlich eines Hilfstransportes nach Rogatschow/Korma.

Es war meine erste Reise nach Weißrussland. Land und Leute kannte ich bislang nur aus den Berichten meiner Vereinskollegen. Dementsprechend war ich sehr neugierig.

Jede Reise beginnt mit einem frühen Aufstehen. Bei mir war es Samstag 5 Uhr morgens, als der Wecker mich aus dem viel zu kurzem Schlaf riss. In Rogatschow sind wir dann um 22 Uhr am Sonntag angekommen. Dazwischen lagen 2 Grenzen, die dazugehörigen Zollabfertigungen, jede Menge Stempel auf diversen Papieren und Wartezeiten.

Als humanitärer Transport hat man den Vorteil, an den kilometerlangen Schlangen der LKW an den Grenzen vorbeifahren zu können. Auch bei der Jagd nach den verschiedenen Stempeln für die Zollpapiere konnten wir uns "vordrängeln" - erlaubter Weise.

Die anwesenden Trucker murrten zwar ein wenig, aber nach ein paar freundlichen Worten und der Erklärung "Humanitärer Transport" ließen sie uns anstandslos vor.

Aus Gesprächen mit den LKW-Fahrern konnte ich heraushören, dass viele von ihnen teilweise 3 Tage und mehr für einen Grenzübergang benötigen.

Die ganze Abfertigung machte auf mich einen sehr bürokratischen Eindruck - vielleicht auch deshalb, weil nicht immer einzusehen war, warum gerade jener Stempel noch notwendig sei.

Die entsprechende Stempel bekommt man auch nicht an einer zentralen Stelle, man muss sich die benötigten Stempel in verschiedenen Gebäuden, in verschiedenen Etagen und an verschiedenen Schaltern besorgen. Eine zentrale Abfertigung wäre sicherlich hilfreich.

Da sich die Vorschriften auch oft ändern, kann es durchaus vorkommen, dass man einen benötigten Stempel nicht hat. Das wird jedoch immer erst dann festgestellt, wenn man den Zollhof verlassen will - und dann heißt es, sich noch einmal von vorn anstellen. Einmal ist uns dies passiert...

Und dann gibt es auch immer gewisse Unwägbarkeiten, die zu teilweise erheblichen Wartezeiten führen.

Zum einen kann es durchaus vorkommen, dass ein Beamter seinen Büroschlaf hält. Stören sollte man ihn dann auf keinen Fall, da sich sonst die Abfertigung noch weiter verzögern kann.

Andererseits kann es zu Stillstandszeiten kommen, bei denen die Gründe meist nicht bekannt sind. So standen wir, bereits abgefertigt, 9 Stunden auf dem polnischen Zollhof zur Grenze nach Belarus, ohne dass auch nur ein Fahrzeug während dieser Zeit den Zollhof verlassen konnte. Gründe konnten wir nicht in Erfahrungen bringen, deshalb kursierten auch schnell Gerüchte wie: "...Da wird garantiert ein Geburtstag gefeiert" oder "...Die haben eh' keine Lust, zu arbeiten". Wie schon gesagt, die wirklichen Gründe konnten wir nicht in Erfahrung bringen.

Soweit es ging, haben wir dann dieses Zeit zur Erholung genutzt - aber Schlafen im Auto ist auch nicht gerade bequem...

Belarus zeigte sich mir bei meinem zweiwöchigen Aufenthalt als ein Land, dass geprägt ist von Landwirtschaft, von Wäldern - besonders Birken - und von Störchen.

Die Hauptverbindungsstraßen zu den etwas größeren Orten waren meist in einem recht guten Zustand, so dass die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten ohne Bedenken gefahren werden konnten. Anders sah es dagegen in den Ortschaften aus. Dort waren zum Teil erhebliche Schlaglöcher vorhanden. Tiefergelegte Autos hätten da wohl ihre Probleme...

Weißrussland ist ein Land der Gegensätze.

Dies zeigte sich ganz deutlich bei einem Besuch der Hauptstadt Minsk.

Es gibt ein starkes Gefälle zwischen Minsk und den Landesgrenzen. Je weiter man sich von der Hauptstadt entfernt, desto "ärmlicher" wird es.

In Minsk kann man eigentlich alles bekommen, sei es nun Obst und Gemüse oder ein nagelneuer "Mercedes SLK". Für Europäer ist es vielfach günstiger als im eigenen Land, für die meisten Weißrussen ist aber vieles unerschwinglich.

Das Durchschnittseinkommen in Rogatschow liegt bei ca. 50 EUR pro Monat. Ein Kühlschrank kostet ca. 250 EUR. Für uns Deutsche sicherlich kein Problem, wenn bei uns mal ein Kühlschrank ausfällt, in Belarus ist das aber schon fast die Hälfte eines Jahresgehaltes.

In vielen Familien gibt es, wenn überhaupt, nur einen, der Arbeit hat. Vieles geht auch über Nachbarschaftshilfe. Wer keine Beziehungen/Bekannte hat, hat es schwerer. Aber auch die, die Arbeit haben, bekommen ihr Gehalt nicht regelmäßig. Wo es möglich ist, wird auf kleinen Landflächen eigenes Gemüse usw. angebaut.

Besonders dramatisch ist die Situation von alleinerziehenden Müttern. Dies liegt wohl auch daran, dass Wodka ein "Grundnahrungsmittel" ist. Es stieß besonders bei der männlichen Bevölkerung auf Unverständnis, dass ich keinen Wodka trinke. Bevor ich vor weiteren Trinkangeboten meine Ruhe hatte, bedurfte es schon eines mehrfachen "Njet",

Unsere mitgebrachten Waren haben wir dem Verein "Milij Szerdie" (Mildtätiges Herz) in Korma übergeben, einem Verein, mit dem wir bereits seit mehreren Jahren zusammenarbeiten. Er übernimmt dann die Verteilung an die Bedürftigen. Bei der rechtlichen und bürokratischen Abwicklung vor Ort werden wir in vorbildlicher Weise vom "Internationalen wohltätigen Verein 'Hilfe für dieKinder von Tschernobyl'" in Gomel unterstützt. Er übernimmt sehr viele "Amtsgänge" und sorgt für eine schnelle Zollabfertigung.

Die Tätigkeiten, die wir zusammen "Milij Szerdie" durchführen, werden bei uns in Deutschland in der Regel vom Sozialamt wahrgenommen. Dort hat der Staat aber keine Mittel dafür.

Bei den Wohnunterkünften überwiegen neben der Plattenbauweise (meist zwischen 4 und 10 Etagen) die in Holz gefertigten Ein- bzw. Zweifamilienhäuser. Wer es sich leisten kann, stellt auf Stein um. Die einfachen Wohnungen in den Plattenbauten haben u.a. eine Gemeinschaftsküche pro Etage. Das heißt, dass sich mehrere Familien eine Küche teilen müssen. Wer zuerst kommt, kocht zuerst.

Die Familien, die ich besucht habe, waren in 2-Raum-Wohnungen untergebracht. Ein Raum als Schlafzimmer, der andere für alle täglichen Arbeiten.

Bei Familien mit 3 oder mehr Kindern bedarf es schon einiger Organisation, um den täglichen Ablauf einigermaßen auf die Reihe zu bringen.

Schulen und Kindergärten werden in der Ganztagesform betrieben. Dies schließt eine Versorgung mit Essen ein. Da der Staat aber immer weniger Geld zur Verfügung hat, erhalten die Schulen immer weniger Mittel. In einem Gespräch erzählte die Direktorin einer grßen Schule in der Kreisstadt Rogatschow (mit ca. 1050 Schülern), dass zu befürchten sei, dass das Prinzip der Schulspeisung in ein bis zwei Jahren ganz eingestellt werden könnte. Derzeit könne man davon ausgehen, dass hier an der Schule für etwa 10 Prozent der Schüler die Schulspeisung die einzigste Mahlzeit am Tage sei.

In den Schulen und Kindergärten fehlt es an vielen, teilweise den elementarsten Dingen, beispielsweise Kreide, Schultafeln und Lehrmitteln, aber auch Bettwäsche und Kinderspielzeug - um nur ein paar Dinge aufzuzählen. Es ist trotzdem erstaunlich, mit welcher Begeisterung die Lehrkräfte versuchen, ihren Unterrichtsstoff zu vermitteln. Jede Unterstützung ist ihnen immer willkommen, aber auch nötig. Beispielsweise haben wir in einer großen Schule Lehrdias für den Biologieunterricht übergeben. Dabei stellte sich aber heraus, das die Schule nicht einmal über einen Diaprojektor verfügte.

Viele Kinder leiden unter den Auswirkungen der verstrahlten Gebiete. Besonders häufig ist eine Schwächungen des Immunsystems - makabererweise spricht man dabei sogar schon offiziell von "Tschernobyl-AIDS". Die Folge ist, das die Kinder sehr häufig krank sind, entsprechende medizinische Behandlung brauchen und nicht immer regelmäßig zur Schule gehen können. Besonders häufig sind Gesundheitsprobleme im Bereich der Schilddrüse sowie Atemwegserkrankungen.

Schulen und Kindergärten haben deshalb auch immer einen kleine medizinische Abteilung. Aber auch hier fehlt es an allem - von den Medikamenten bis hin zu den Behandlungsgeräten.

Im Rayon Korma sind allein über 40 Dörfer von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl betroffen. Alle diese Dörfer mussten evakuiert werden, fast immer ohne Vorankündigung und innerhalb von Stunden unter Zurücklassung des gesammten persönlichen Hab und Gut. Die meisten dieser Dörfer sind mittlerweile zerstört worden, um Plünderungen und das Entwenden von Baumaterialen zu unterbinden.

Alle Gebiete sind abgesperrt. Allerdings ist es nicht möglich, die Gebiete komplett abzuriegeln, dazu sind die Flächen einfach zu groß und das Material ist auch nicht vorhanden.

Ich hatte dieGelegenheit, eines der noch existierenden verstrahlten Dörfer zu besuchen. Im ersten Moment sah der Ort wie eine ganz normale "Geisterstadt" aus. In den Häusern fehlten sämtliche Türen, Fenster und Glasscheiben. Die Straßen waren teilweise schon überwuchert. Einige Gebäude waren dem Einsturz schon bedenklich nahe gekommen. Und es war sehr still!

Erst als ich einen Augenblick darüber nachdachte, kam mir die Ungeheuerlichkeit der ganzen Angelegenheit zu Bewusstsein: Die vorherrschende Strahlung sieht man nicht, man hört sie nicht, man schmeckt sie nicht und fühlen kann man sie auch nicht. Aber trotzdem ist die Gefahr vorhanden.

Und dies nicht nur für 10 oder 20 Jahre, sondern für Jahrtausende.

Das ist eine Dimension, die jedes menschliches Vorstellungsvermögen sprengt.

Die Betroffenheit, die ich bei dem Besuch empfand, wirkt bis heute nach. Es ist eben was anderes, ob man Berichte darüber im Fernsehen sieht oder das ganz wirklich vor Ort erlebt. Erst jetzt wird mir so richtig bewusst, mit welchen Kräften der Mensch doch manchmal spielt, ohne an mögliche Folgen zu denken...

Trotz oder gerade wegen der radioaktiv verstrahlten Gebiete hat mich eine Eigenheit in Weißrussland sehr positive überrascht: die Gastfreundschaft.

So etwas von Gastfreundschaft habe ich noch nicht erlebt! Der Gast ist fast heilig und er wird mit allem versorgt. Selbst dann, wenn Geschirr und Essen von den Nachbarn ausgeliehen werden müssen.

Und wenn man dann versucht, sich ein wenig erkenntlich zu zeigen, so stößt das, gelinde gesagt, auf Unverständnis.

So ist es mir ergangen, als ich anlässlich meines Besuches in der Hauptstadt Minsk etwas Obst und Gemüse mitbrachte. Es waren etliche Gespräche notwendig, um meine Gastfamilie zu besänftigen, denn sie fühlte sich in ihrer Ehre gekränkt.

Diese Freundlichkeit und Zuvorkommendheit der Menschen, mit denen ich sprechen konnte, wird mir lange in Erinnerung bleiben.

Und so kam ich mit durchaus zwiespältigen Gefühlen aus Belarus zurück. Sie werden sicherlich dafür sorgen, dass ich nicht zum letzen Mal an einem solchen Hilfstransport teilgenommen habe. Dass sich die Einschätzungen und Wertigkeiten einiger meiner Einstellungen verändert haben, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen.

Belarus, ich komme zurück ...


Einige Bilder von der Reise:


Arbeitskreis humanitäre Projekte e.V.
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